Musikmomente-Jahresprojekt: Juni – You


Eigentlich fühle ich mich leicht. Hab meine Kamera dabei, die neue Jeansjacke an, das schwarze Shirt, die schwarze Hose. Grau in schwarz und Schwarz ist überall in dieser Stadt, an jeder Wand, zwischen allen Räumen, an jeder Ecke…

Das eigentlich gute Gefühl, sich in den Straßen verlieren zu können, weil es an diesem Tag keine Verpflichtungen gibt und dieser Tag nur dafür bestimmt ist, Motive einzufangen, erliegt nach und nach der Masse der Großstadt; ich möchte ja fotografieren, will das Unentdeckte an jeder Kante, an jedem Vorsprung und an jeder Kreuzung entdecken und ablichten, sichtbar machen, doch genau daran liegt es, dass die Linse meiner Kamera schwarz bleibt. Wenn es zu viel zu sehen gibt, sehe ich nichts. Kanten sind Kanten, ein Vorsprung ist ein Vorsprung, jede Kreuzung sieht gleich aus und das Gleiche erfüllt mich mit Unbehagen; war ich hier schon? Haben wir uns verlaufen?

Erst gedämpft und fast friedlich, dann schwer und unsicher steigt die Orientierungslosigkeit in mir auf, von den Füßen in den Kopf, ich laufe ohne Ziel umher und frage mich, ob man sich überhaupt ziellos verlaufen kann. Ich möchte ja fotografieren, will das Unentdeckte entdecken, aber ich kriege nichts auf die Reihe, meine Fotos sind wirkungslos und wirken vergeblich geschossen, meine Fotos sind schwarz wie die Häuserreihen und lichten nur das Eine ab: Diesen unüberbrückbaren Raum zwischen mir in der Nebenstraße und den Menschen auf den Hauptstraßen.

Die wenige Sonne an diesem milden Junitag ragt gerade bis zur Spitze der Hochhäuser. Sich spiegelnde Fassaden leuchten im Licht und spiegeln etwas Schweres im Dunkeln, dort, wo die Sonne keinen Zugang zu hat. Schattenhaft und beinahe unsichtbar entlaufe ich dem Tag, als wäre ich nur ein Gedanke, der seinen Weg in der Großstadt sucht. Ich hatte doch so viel vor. Wollte das leichte Grundgefühl, das mich noch am Morgen durchdrang, wie eine neue Charaktereigenschaft annehmen, nicht nur für diesen besonderen Tag, auch als Basis für die kommende Woche, in der das Neue dieser Stadt wieder vom Gewohnten meiner Stadt abgelöst wird.

Ich halte inne, schaue auf meine Uhr. Es ist schon fast Abend. Noch liegen einzelne Wolken auf dem Grau des Himmels und entspannen. In zwei oder drei Stunden wird der Himmel schwarz und das Grau zerlaufen sein. Markus fotografiert erst eine Taube die davon fliegt, dann fotografiert er mich. Er sieht Dinge, bevor ich sie sehe. Bei mir steht ein Gedanke zwischen dem, was ich sehe und dem, was ich sehen will. Gedanken betrüben Blicke, seine Ausgeglichenheit betrübt mich. Die Distanz seiner Gedanken zum Auslöser der Kamera ist gleich Null; da!, noch eine Taube, ihr Flügelschlag wirkt hektisch, übereilt, vom Instinkt und nur davon getrieben.

Während ich darüber nachdenke, ob instinktgetriebene Lebewesen glücklicher sind, drückt er den Auslöser. Sein Bild vereint das Hektische und Übereilte, das Instinktive und Leichte. Er begegnet der Fotografie auf Augenhöhe, ich stehe darunter, meine Gedanken reißen mich aus der Situation heraus.

Ich will ja fotografieren, möchte das Unentdeckte, Gedachte sichtbar machen, doch die Masse unausgeglichener Gedanken ist schwächer als die Masse der Großstadt, diese Wucht, die sie ausstrahlt, Häuserfassaden bis in die Wolken, unzählige Menschen auf den Straßen und überall nur schwarz.

lyrics: Jim Kopf | fotos: kuhnograph | location: Frankfurt/Main

Das Musikprojekt ist inzwischen ein halbes Jahr alt. Und für mich persönlich hat es diesen Monat (s)einen Höhepunkt erlebt. Der unendlich talentierte Texter Jim Kopf hat mir ein paar Worte für diesen Beitrag geschenkt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Dieser Beitrag ist für uns beide und das Guinness auf das wir so lange gewartet haben…

Danke Jim

53 Kommentare zu “Musikmomente-Jahresprojekt: Juni – You”

  1. wow. mitgerissen bin ich. ich trudele alangsam dem grund entgegen… fallen.
    diese musik. wie diese bilder wirken, wenn das klavier sich in der zeit verliert.
    du schenkst mir damit für meinen tag ganz viel gefühl und weil ich synästhetikerin bin auch ganz viel wohlgeruch. ich danke dir dafür sehrsehr!

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  2. Auch hier noch einmal vielen Dank für diesen wirklich tollen Tag, ich konnte von dir lernen und hab das Guinness mit dir sehr genossen! Die Bilder sind klasse geworden, und einen Text dazu zu schreiben war mir eine Ehre! Mach weiter so, bin eh seit zwei Jahren Fan! 🙂

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  3. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wunderbar du das Musikprojekt umsetzt…wie intensiv deine Bilder dazu sind….was für Ideen dahinterstehen. Mein Kompliment auch an Jim und seinen Text, er hält hier mal die Fahne für die männliche Fraktion hoch…;-)

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  4. Wow, ich bin so beeindruckt und tief berührt! Das wird noch sehr lange nachhallen – die Musik, die Worte, die Fotos, einfach alles! Ich war eben so gefesselt, als ich den Text gelesen habe und mir dazu die Fotos angeschaut habe, es wuchs einfach ein überwältigendes, unbeschreibliches Gefühl in mir heran, das dann immer größer wurde!

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  5. Intensiv, eindrücklich, ein Mix aus Wort, Bild & Musik der sich durchdringt & mich (ja!) schon wieder an einen Film denken läßt. Und die Worte, die leuchten in all dem Schwarz der großen Stadt. Und deine Bilder fangen dieses leise Leuchten ein.

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  6. Uahhhh ich liiiiiiebe euren Beitrag 😍❤️😍❤️ Jedes einzelne Wort und jedes Bild. Gefühlvoll. Einfühlsam. Nachdenklich und doch bewegend. Herrlich 😍😍😍 zwei wundervolle Menschen die einzeln großartiges erschaffen und zu zweit grandios sind 😎😎 hach 😍 Ich schmachte jetzt einfach weiter anstatt da noch mehr Worte dazulassen, die ohnehin nicht an das geniale Duo Markus & Jim herankommen. Fühlt euch einfach beide mal aus der Ferne gedrückt 🤗🤗

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    1. Vielen Dank Nina, ich glaube ich spreche für uns beide wenn ich sage das uns das sehr ehrt!! Es hat ja echt lange gedauert bis dieses Treffen zustande kam… Umso schöner war es dann auch! Es lief wie von selbst, der Plan ansich entstand erst während der Tour, eigentlich direkt vor dem Plakat mit der Frau im Hintergrund ;-))

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    2. Auch von mir noch vielen Dank Nina! Das hat echt gepasst und ich bin echt froh, dass so etwas cooles dabei herausgesprungen ist, wobei das Beste ist, dass es nicht wirklich schwer war, alles wirkte sehr leicht und entstand wie von selbst! Danke! :))

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    1. Vielen Dank für das große Lob! Ich seh schon, irgendwann müssen wir mal ein Blogger Wochenende starten, ein Ferienhaus mieten und uns einfach nur treiben lassen… Das wäre was! Und sooo unrealisitisch find ich das gar nicht! Aber Dir muss ich ja auch gar nicht erzählen, wie inspirierend so ein Treffen sein kann 😉

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  7. Also, erstens find ich es ja mal richtig richtig cool, dass du einen Mann vor der Kamera hast… keinen Bräutigam, sondern einen Alltags-Mann… und Jim macht das einfach ganz große klasse! Ich finde die Fotos wahnsinnig ausdrucksstark, dann noch den Text dazu, die Musik – sehr stimmungsvoll!!! Ganz besonders gut gefallen mir die beiden, wo man Jim von vorne sieht und er den Kopf so hängen lässt, einmal im Parkhaus und einmal vor so einem Rolladen… aber alles als Gesamtwerk finde ich klasse! Ich merke gerade, dass Ganzkörperporträts unheimlich schwer sind, aber ihr zwei habt das unglaublich gut gemacht!!! Serie mit Wow-Effekt!

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    1. Vielen lieben Dank!! Es war anfangs kurz ungewohnt, aber aufgrund der Stimmung und die Atmophäre die wir uns aufgebaut haben, war es letzendlich doch relativ easy brauchbare Bilder zu erzielen… Eine runde Sache einfach! Umso schöner wenn ein „WOW-Effekt“ zurückbleibt… 😉

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  8. wirklich unfassbar gut was ihr da gemacht habt. Bin echt hin und weg. Fotos, Text und alles so was von harmonisch und fügt sich unmerkbar leicht zusammen, obwohl alles auch auf seiner eigenen Ebene funktioniert. Doch zusammen explodiert das… wow
    Habe mir zuerst nur die Bilder zusammen mit dem Text angeschaut. Alles grandiose Fotos, die gleichmäßig auf sehr hohem Level durch die Geschichte tragen. Die Worte aus dem Off sind SOFORT wie ein Soundtrack zur Geschichte. Beides trägt sich gleichwertig und ineinandergreifend. Echt groß von euch beiden!

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    1. Vielen Dank Markus!! Das ist eigentlich alles was wir zum Ziel hatten… Du hast es voll und ganz so aufgenommen, wie unser Plan war! Jim hat das echt ne klasse Arbeit abgeliefert, in jeder Hinsicht. Es war schon klasse wie das ganze sich entwickelt hat. Es ist so angenehm, mit einem sehr kreativen Menschen zusammen eine Idee zu entwickeln… Der Flow der dabei entsteht ist schon krass! Hach ja, ein toller Tag einfach!! 😉

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  9. 🙂 Ihr Zwei!!! Wie toll!
    ich bin begeistert. DAS hat sicher Spaß gemacht. Und es spiegelt Teile von euch beiden wieder, nehme ich an. Super. Starke Bilder, ganz dein Stil, toller Text, ehrlich und offen, ganz der Jim, den ich sonst auch dann und wann lese. Spannend.
    Sehr düster, fast ein wenig melancholisch, verloren, einsam. Der kleine Jim in der großen Stadt….
    Hmmm…. 🙂 Schöne Arbeit. Macht Spaß, sich anzuschauen!!!!

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  10. Wirklich tolles Projekt, die Musik versetzt einen gleich in eine ganz andere Stimmung beim Betrachten der Fotos. Ich liebe es, wie du mit Spiegelung, Kontrast und Perspektive gearbeitet hast.

    Ein sehr großes Lob an dieser Stelle, deine Fotografie inspiriert mich wirklich sehr! 🙂

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    1. Vielen lieben Dank! Solche Kommentare bestärken mich, weiterzumachen… Denn ab und an schleicht sich schon der Gedanke ein, ob es überhaupt noch WIRKLICH jemanden interessiert, was genau ich hier veröffentliche… Du hast mir somit mindestens ein weiteres halbes Jahr die Motivation gesichert 😉

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  11. OUHKEY! J.e.t.z.t bin ich neidisch!!! (Wo war da ich bitteschön!?😜)
    Super! Ich freu mich total für euch dass ihr zwei es geschafft habt euch zu treffen. Und offenbar hat sich das mehr als nur gelohnt.
    Markus, als ich begann diesen Beitrag zu lesen, und ich mir all dies bildlich vorstellte, wurde ich dann doch nach einigen Sätzen etwas stutzig. Ich weiß dass du toll schreiben kannst, aber diese Zeilen, ich konnte nicht gleich benennen was, etwas war anders. Das warst nicht du, irgendwie, das fand ich ein bisschen komisch, verwirrend, und doch kamen mir die Zeilen in der Schreibweise bekannt vor. Zwar gab es auch das Titelbild von Jim zu Beginn, trotzdem hat mein Hirn es nicht gleich gerafft. Der Text war von ihm! So wundervoll geschrieben. Gleichzeitig wirkten deine Fotos von ihm, und dein Bericht von eurem Treffen auf mich und ich kann nur sagen WOW! So schön! Super Markus! Mich freut das total. :))) Und Jim: Ich wusste es, dass du dich ganz hervorragend vor der Kamera machst. Ich habe es immer gewusst.😀
    Ein toller Beitrag. Mit sehr bewegenden Textmomenten, welche die gefühlvollen Aufnahmen nur zu schön unterstreichen.

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    1. Das wärs gewesen, hätte super gepasst wenn Du auch dabei gewesen wärst… Und schön das Du dann doch gemerkt hast, dass der Text nicht von mir sein kann ;-)) Soooo talentiert bin ich in der Hinsicht dann doch bei Weitem nicht… War auf jeden Fall ein toller Tag den wir ganz sicher mal wiederholen… Und dann bist Du aber definitv dabei 😉

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